Spätestens als die Anarchistische Pogo-Partei (APPD) seinerzeit die „Mitfickzentrale“ gegründet hatte, war der Geist aus der Flasche. Und was klingt auch einfacher; man trifft sich mit gleichgesinnten, alle wollen das Gleiche und dann tut man es. Ein klarer Pluspunkt für all die Adult-Apps und sonstigen Date-Seiten im Netz. Doch ist es wirklich so einfach? Tun es wirklich alle? Und wenn alle es tun, warum laufen dann immer noch so viele untervögelte Menschen da draußen rum? Tauchen wir also etwas tiefer ab in die Welt der Dating-Seiten und des schnellen Sex und widmen uns ganz dem

Mythos Casual Dating:

Suchst Du noch oder poppst Du schon?

Bei einem Abend vor dem Fernseher kann man ihnen kaum entgehen, all den Webseiten mit den klangvollen Namen und den Hochglanz-Aufnahmen attraktiver Damen, die für schnelle und unkomplizierte Treffen werben, bei denen niveauvoll und sehr diskret gevögelt werden soll.  Und es vergeht auch kaum eine Woche, in der man nicht, auch in seriösen Magazinen, auf diese oder jene App hingewiesen wird, mit der man GANZ einfach herausfinden kann, mit welchem seiner Freunde man Sex haben könnte, wenn es denn beide wollten. Man beginnt sich zu fragen, wie wir unser Sexleben früher organisiert haben.

Betrachtet man die schiere Zahl der angeblichen oder tatsächlichen Mitglieder der diversen Seitensprung-, Dating- und Sexabenteuerseiten, so kommt man nicht umhin festzustellen, dass praktisch jeder dabei ist. Wirklich jeder? Genaue Zahlen sind schwer zu ermitteln, da einerseits die Datingseiten selbst ihren Kundenstamm natürlich nicht offen legen und andererseits nur die wenigsten offen bekennen dort Mitglied zu sein. Scheinbar haftet dem immer noch der Geruch des „Irgendwie-versagt-habens“ an, als ob man es in freier Wildbahn nicht packen würde. Dabei ist es an sich nur die logische Fortentwicklung der Vernetzung unseres sonstigen Lebens. Den Plausch mit den Nachbarn im Biergarten oder der Dorfkneipe haben wir auf die sogenannten „social networks“ ausgelagert, Informationen beschaffen wir uns im Netz, Spiele spielen wir über Netzwerke, uns stehen ganze Welten offen, ohne auch nur einmal vom Sofa aufzustehen.  Was liegt also näher, als den Beischlafpartner im Internet zu suchen?

Doch schnell beginnen hier die Schwierigkeiten. Haben Sie schon einmal versucht sich bei einer Dating-Seite anzumelden? Noch mehr Fragen muss man nur beantworten, wenn man bei der Einreise in die USA versehentlich „Ja, ich will den Präsidenten töten“ angekreuzt hat. Abertausende Fragen zu Vorlieben, Lebensumständen, Kragenweite der Großmutter gilt es zu beantworten. Und natürlich die alles Entscheidende, die nach dem Verdienst. Man will Ihnen ja schließlich all die schönen Dinge anbieten können, die sich gerade noch leisten können. Ein cleverer Algorithmus soll nun dafür sorgen, dass all die Angaben über unsere Person und Wünsche auch dem richtigen potentiellen Partner zugeordnet werden. Dabei wäre es natürlich wichtig, immer bei der Wahrheit zu bleiben. Wohlgemerkt wäre.

Der größte Segen des Internet, seine Anonymität, ist nämlich, was Dating-Portale im Speziellen angeht, gleichzeitig auch sein größter Fluch. Um möglichst begehrenswert und attraktiv zu wirken, schwindeln wir im Internet gerne. Man macht sich ein wenig größer, als man es eigentlich ist, ein wenig jünger, die eigene Brieftasche etwas größer.  Frauen kommen so zu kostenlosen Brust-OPs, blonderen Haaren und einem interessanteren Leben. Und selbst der Austausch von Profilfotos ist nur bedingt hilfreich. Diverse Bildbearbeitungsprogramme erlauben es auch dem Ungeübten binnen kurzer Zeit aus jedem Menschen ein Model zu machen. Noch einfacher, man nimmt das Foto eines Modells und spart sich die Arbeit. Was beim Flirten im Netz noch funktioniert, wird dann aber beim ersten Aufeinandertreffen ganz schnell zum Stimmungskiller. Wer Giselle Bündchen erwartet, möchte ja nicht mit Angela Merkel ausgehen, so interessant sie auch sonst sein mag. Das gilt natürlich für George Clooney und Sigmar Gabriel ganz genauso.

Und obwohl alle wissen, dass das Schummeln ja spätestens beim realen Treffen auffliegen wird, wird bei Profilen gelogen, was das Zeug hält. 88% aller User machen sich größer als sie sind. Durchschnittlich sind die Profile auf diesen Seiten 5 Kilo leichter als die dazu passenden Menschen. Und dabei handelt es sich auch noch um einen sich selbst verstärkenden Effekt. Weil jeder weiß, dass jeder schummelt, nimmt auch jeder an, dass jeder schummelt. Wenn ich also beispielsweise schreibe, ich bin 42 Jahre alt, nimmt mein Gegenüber an, ich sei 46. Wenn ich also will, dass mein Gegenüber glaubt, ich sei wirklich 42 muss ich schreiben, ich sei 38. Bis das alle wissen. Schreibt dann ein unbedarfter Neuling er sei 40, glaubt jede Frau er ist 50. Und so weiter.

Schnell erweist sich, was ein geiles, zwangloses Treiben hätte werden sollen, als ein mittelschweres Desaster, Tränen inklusive. Manche Menschen nehmen solche Rückschläge mit Humor, ein Amerikaner hat auf der Suche nach seiner Märchenprinzessin angeblich über 1.000, auf Datingseiten arrangierte, Treffen gehabt. Jetzt hat er ein Buch über seine Erfahrungen geschrieben und gibt Beziehungstipps. Mal abgesehen davon, dass man Tipps von jemandem, der es ganz offensichtlich nicht kann und auf der anderen Seite bislang noch nicht einmal auf den Gedanken gekommen ist, dass ER vielleicht das Problem sein könnte, nicht unbedingt trauen soll, gibt es doch einen gewissen Eindruck von der Vielzahl an Möglichkeiten, an denen solch ein Treffen scheitern kann.

Böswillig formuliert, wird bei der Beziehung, die über eine App oder ein Portal angebahnt wurde, ein ohnehin sehr komplexer Vorgang nochmals verkompliziert. Musste ich früher in einer Kneipe oder auf dem Volksfest einen Menschen einmal kennenlernen, um mich zu entscheiden, ob er mir gefällt, muss ich es jetzt zweimal tun (und für das Erste Mal auch noch bezahlen). Es wird vom Nutzer gefordert, sich in zwei Personen zu vergucken. Einmal in das Selbstbild des Anderen, einmal in sein Echtes.

Wobei all diese Problem ja erst auftreten, wenn man es denn tatsächlich geschafft hat einen Menschen in einem Online-Portal zu finden. Untersuchungen haben ergeben, dass über ein Drittel aller auf einem Dating-Portal angemeldeten User noch nie zu einem Date gegangen sind. Und das auch nicht vorhaben. Dazu kommen die gefürchteten Fake-Accounts. Hier wird nicht nur mehr Haar, Oberweite und weniger Speck vorgegaukelt sondern gleich die ganze Person. Sie halten das für ein Gerücht? Nun, die Zahlen sprechen für sich. Bei einer Untersuchung haben Wissenschaftler unterschiedliche Profile angelegt um das Verhalten in Online-Portalen zu testen. Das attraktivste Frauen-Profil hatte nach 4 Monaten 528 Mails bekommen, der attraktivste Mann hingegen nur 38. Wenn man jetzt mal postuliert, dass Frauen tendenziell lieber schreiben als Männer, und das legt die Praxiserfahrung nahe, dann lassen die Daten nur einen einzigen Schluss zu: Es sind mehr Männer angemeldet als Frauen.

Ein Blick auf die Preisgestaltung legt diesen Schluss ebenfalls nahe. Single-Männer zahlen bei Dating, bei Seitensprung- und bei Adult-Seiten grundsätzlich mehr. Bei allen entsprechenden Sex-Seiten sind sie sogar die einzigen, die zahlen. Um nun wieder das Interesse der Männer möglichst hoch zu halten, müssen natürlich viele aktive Frauen-Profile vorhanden sein. Und ob sie sich gerade mit der heißen Babuschka, die nur ein wenig Spaß will oder Horst aus dem Call-Center unterhalten, erfahren  sie natürlich nicht, solange es nicht zu einem Treffen kommt. Und das kann dauern. Oft sehr, sehr lange. Und das heißt noch nicht mal, dass hier ein Betrug seitens des Anbieters vorliegt (wäre es ohnehin nicht wirklich, in den AGBs steht nämlich immer etwas von Qualitätstests durch professionelle Chatter), es gibt genug Irre da draußen, die sich auch einfach einen Spaß daraus machen, jemanden bei einer Dating-Seite zu verarschen. Und Hand aufs Herz, wer ist noch nie bei einer Party im betrunkenen Zustand auf die Idee gekommen, genau sowas zu machen? Und plötzlich legt man vor Ingo und seinen angesoffenen Kumpels einen Seelenstriptease hin.

Keine schönen Aussichten. Weder für den Sex noch für die Beziehung. Hier wird der Wert der Online-Date-Seiten sowieso überbewertet. Nach wie vor sind  der Arbeitsplatz, der Freundeskreis und die Kneipe um die Ecke die Startpunkte für die allermeisten Beziehungen. Online rangiert mit maximal 5% unter ferner liefen.

Und auch beim schnellen unverbindlichen Sex gibt es gewisse Schwierigkeiten. Wir wissen ja nicht, wie es Ihnen geht, aber wenn wir Lust auf Sex haben, dann jetzt und nicht nächste Woche. Erst einen Fragebogen ausfüllen, bei dem die Stasi vor Neid erblassen würde, um dann vielleicht ein Sextreffen mit Jaqueline oder Torben und seinen Kumpels zu verabreden, nur um dann vor Ort festzustellen, dass der verabredete Treffpunkt nicht nur verwaist sondern auch das örtliche Polizeirevier ist, fällt hier nicht in die Kategorie: „Klingt nach Spaß“. Für schnellen heißen Sex empfiehlt sich da doch besser Live-Strip.com. Hier kann man jederzeit unter 6.000 echten Girls wählen, kann sich vorher, dank umfangreicher Vorschauvideos und Bilder genau über die Partnerin der Wahl informieren und friert sich garantiert nicht auf einem einsamen Parkplatz den Arsch ab.

Schneller, geiler und angenehmer geht es nun wirklich nicht. Und wer auf mehr Gefühl steht, dem seinen unsere revolutionären Cybersex-Features wie die Muschi-Control empfohlen. Spaß inklusive. Worauf warten sie also? Die Girls sind alle schon da!

Bis Ende 2018 hatte ich in der mittlerweile leider eingestellten Zeitschrift Live-Strip.com – Das Magazin eine eigene Kolumne. Eine weitere feste Rubrik war dort über Jahre hinweg den unterschiedlichsten Mythen aus der Welt der Sexualität und der Erotik gewidmet. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags präsentiere ich daraus in meinem Blog in der Kategorie „Sex-Mythen“ in unregelmäßigen Abständen einige Highlights. Dieser Text wurde ursprünglich in der Ausgabe 3-2015 veröffentlicht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.